Zwischen Ideologie, Fake News und Social Media

Zwischen Ideologie, Fake News und Social Media

Mit dem Zusammenhang zwischen Fake News, Sozialen Medien und einer politischen Einstellung rechts der Mitte hat sich Tamara Dimdik intensiv wissenschaftlich auseinandergesetzt. Der folgende Beitrag bietet eine kurze Einordnung wissenschaftlicher Befunde.

Zwischen Ideologie, Fake News und Social Media
Foto: Pixabay – Pexels (CC0)

Fake News, also falsche oder irreführende Informationen, die gezielt als Nachrichten präsentiert werden, haben in den vergangenen Jahren zunehmend an gesellschaftlicher und politischer Bedeutung gewonnen. Besonders im Kontext großer politischer Ereignisse und wachsender gesellschaftlicher Polarisierung rückt ihre mögliche Wirkung auf Meinungsbildungsprozesse verstärkt in den Fokus. Dabei handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen. Denn bereits in unterschiedlichen historischen Zusammenhängen haben Menschen gefälschte Nachrichten verbreitet.

Neu ist jedoch die Geschwindigkeit und Reichweite, mit der entsprechende Inhalte heute über das Internet und insbesondere über Soziale Medien ein großes Publikum erreichen können. Gleichzeitig verändert die digitale Kommunikationsumgebung die Bedingungen politischer Informationsverarbeitung grundlegend. Nutzer:innen treten in Sozialen Medien nicht mehr ausschließlich als Rezipient:innen von Nachrichten auf, sondern übernehmen zunehmend auch Funktionen als Produzent:innen und Multiplikator:innen von Inhalten. Damit gehen veränderte Dynamiken der Informationsverbreitung einher, in denen redaktionelle Kontrollmechanismen und journalistische Auswahlprozesse an Bedeutung verlieren können.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Faktoren die Wahrnehmung gefälschter Nachrichten in digitalen Informationsumgebungen beeinflussen. Welche Rolle spielen beispielsweise Soziale Medien als zentrale Nachrichtenumgebung bei möglichen Wirkungszusammenhängen? Und welche Bedeutung kann eine politische Orientierung rechts der Mitte für die Wahrnehmung gefälschter Nachrichten haben?

Fake News sind nicht gleich Desinformationen

Sowohl im öffentlichen Diskurs als auch innerhalb von wissenschaftlichen Auseinandersetzungen wird der Begriff Fake News häufig unscharf oder gar inflationär verwendet (Gelfert, 2018, S. 94). Um Wirkungszusammenhänge besser einordnen zu können, ist daher eine begriffliche Differenzierung notwendig.

Im Kern zeichnen sich Fake News durch falsche oder irreführende Behauptungen aus, die Produzent:innen bewusst als Nachrichten präsentieren. Entscheidend ist dabei nicht ausschließlich der Wahrheitsgehalt einzelner Aussagen. Irreführung kann auch durch selektive Darstellungen oder durch die gezielte Nachahmung journalistischer Darstellungsformen entstehen (Gelfert, 2018, S. 100, 108). Fake News orientieren sich somit in Aufbau, Stil und Erscheinungsbild an etablierten Nachrichtenformaten, ohne deren redaktionellen Prüfprozessen zu unterliegen (Lazer et al., 2018, S. 1094).

Davon zu unterscheiden sind Begriffe wie Misinformation und Desinformation. Beide beschreiben ebenfalls falsche oder irreführende Informationen, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der zugrunde liegenden Absicht. Während Misinformationen unbeabsichtigt verbreitet werden, sind Desinformationen, ähnlich wie Fake News, durch eine bewusste Täuschungsabsicht gekennzeichnet (Fetzer, 2004, S. 228; Guess & Lyons, 2020, S. 11). Der zentrale Unterschied liegt hier jedoch darin, dass Desinformationen nicht zwingend als Nachrichten aufbereitet sein müssen. Damit rückt zugleich die Frage nach den aktuellen Bedingungen des Nachrichtenkonsums in den Fokus.

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Soziale Medien als wichtige Nachrichtenumgebung

In den vergangenen Jahren haben sich Soziale Medien zunehmend zu einer wichtigen Quelle für den Nachrichtenkonsum entwickelt. Plattformen wie Instagram, Facebook oder TikTok werden nicht mehr ausschließlich zur Unterhaltung genutzt, sondern auch zur Informationsbeschaffung herangezogen (Pennycook & Rand, 2019, S. 2521). Befunde des Reuters Digital News Report zeigen, dass das Internet innerhalb der erwachsenen Online-Bevölkerung inzwischen die wichtigste Nachrichtenquelle darstellt, wobei Soziale Netzwerke einen wesentlichen Anteil daran haben (Behre et al., 2024, S. 20 ff.).

Niedrige Zugangshürden, geringe Produktionskosten sowie die Möglichkeit zur unmittelbaren Weiterverbreitung von Inhalten tragen maßgeblich zu dieser Entwicklung bei (Shu et al., 2017, S. 22; Allcott & Gentzkow, 2017, S. 221). Gleichzeitig begünstigen genau diese strukturellen Bedingungen auch die Verbreitung gefälschter Nachrichten. Soziale Medien können auf Grund dessen als eine Art zweischneidiges Schwert verstanden werden: Sie erleichtern einerseits den Zugang zu Informationen, erhöhen jedoch zugleich die Wahrscheinlichkeit, mit irreführenden oder manipulierten Nachrichteninhalten konfrontiert zu werden.

Politische Einstellungen im Kontext von Fake News

Mit den veränderten Bedingungen digitaler Nachrichtenverbreitung gewinnt auch die Frage an Bedeutung, welche Rolle politische Einstellungen für den Umgang mit gefälschten Nachrichten spielen können. Insbesondere im Zusammenhang mit Positionen an den Rändern des politischen Spektrums wird diskutiert, inwiefern bestehende Wertvorstellungen und Informationspräferenzen die Wahrnehmung entsprechender Inhalte beeinflussen. Studien zeigen, dass Menschen dazu neigen, Informationen bevorzugt wahrzunehmen oder ihnen eher Glauben zu schenken, wenn diese mit bereits vorhandenen Überzeugungen übereinstimmen. Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft als sog. Confirmation Bias beschrieben (Nickerson, 1998, S. 175; Oeberst & Imhoff, 2023, S. 1467).

Hinweise darauf ergeben sich unter anderem aus einer Studie im Kontext der US-Präsidentschaftswahl 2016, in der politische Falschmeldungen von republikanischen Trump-Unterstützer:innen häufiger als glaubwürdig eingeschätzt wurden als von Teilnehmenden mit liberaler politischer Einstellung (Swire et al., 2017, S. 16). Eng mit diesen selektiven Wahrnehmungsprozessen verknüpft ist zudem das Phänomen sog. Filterblasen. Algorithmisch geprägte Informationsumgebungen führen dazu, dass Nutzer:innen verstärkt mit einstellungskongruenten Inhalten konfrontiert werden, während widersprüchliche Perspektiven seltener sichtbar werden (Stark et al., 2021, S. 306). Unter den Bedingungen digitaler Nachrichtenverbreitung kann dies dazu beitragen, dass sich bestehende Überzeugungen weiter stabilisieren und gefälschte Nachrichten leichter anschlussfähig erscheinen.

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Medienkompetenz im Umgang mit Fake News

Doch welche Möglichkeiten bestehen letztlich, der Verbreitung gefälschter Nachrichten in Sozialen Medien konkret entgegenzuwirken? Neben strukturellen Maßnahmen auf politischer oder plattformbezogener Ebene rückt zunehmend die Rolle der Nutzer:innen selbst in den Fokus. So kann Medien- und Informationskompetenz dazu beitragen, den Umgang mit Nachrichteninhalten reflektierter zu gestalten. Gerade in digitalen Kommunikationsräumen, in denen Informationen schnell verbreitet und häufig ohne redaktionelle Einordnung rezipiert werden, gewinnt die Fähigkeit zur kritischen Bewertung von Quellen und Darstellungsformen an Bedeutung.

Empirische Befunde zeigen in diesem Zusammenhang beispielsweise, dass eine erhöhte Medien- und Informationskompetenz nicht nur die Fähigkeit verbessert, gefälschte Nachrichten zu erkennen, sondern zugleich mit einer geringeren Bereitschaft zur Weiterverbreitung entsprechender Inhalte einhergeht (Dame Adjin-Tettey, 2022). In der zugrunde liegenden Untersuchung bewerteten geschulte Teilnehmer:innen Nachrichteninhalte kritischer, hinterfragten Quellenangaben stärker und schätzten die Glaubwürdigkeit digitaler Informationen differenzierter ein als eine ungeschulte Vergleichsgruppe. Gerade weil Nutzer:innen in Sozialen Medien selbst aktiv an der Verbreitung von Informationen beteiligt sind, kann eine reflektierte Bewertung von Inhalten dazu beitragen, die Reichweite gefälschter Nachrichten zu begrenzen.

Medienkompetenz im Spannungsfeld politischer Polarisierung

Vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen und wachsender gesellschaftlicher Polarisierung gewinnt die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung gefälschter Nachrichten immer mehr an Bedeutung. Wahlergebnisse und politische Dynamiken der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Fragen nach dem Vertrauen in Medien, nach Informationsnutzung und nach der Wirkung politischer Kommunikation zunehmend in den Mittelpunkt öffentlicher Debatten rücken. Medienkompetenz kann hier aktiv dazu beitragen, eigene Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse kritisch zu hinterfragen und Informationsangebote differenzierter einzuordnen. Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen wird sie damit nicht nur zu einer wichtigen Voraussetzung für eine informierte Meinungsbildung sondern auch für das Funktionieren demokratischer Öffentlichkeiten.

Literaturverzeichnis

Allcott, H., & Gentzkow, M. (2017). Social Media and Fake News in the 2016
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Behre, J., Hölig, S., & Möller, J. (2024). Reuters Institute Digital News Report 2024:
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Dame Adjin-Tettey, T. (2022). Combating fake news, disinformation, and
misinformation: Experimental evidence for media literacy education. Cogent
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, 9(1), 2037229.
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Fetzer, J. H. (2004). Information: Does it Have To Be True? Minds and Machines,
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Gelfert, A. (2018). Fake News: A Definition. Informal Logic, 38(1), 84–117.
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Guess, A. M., & Lyons, B. A. (2020). Misinformation, Disinformation, and Online
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Lazer, D. M. J., Baum, M. A., Benkler, Y., Berinsky, A. J., Greenhill, K. M., Menczer,
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Nickerson, R. S. (1998). Confirmation Bias: A Ubiquitous Phenomenon in Many
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Oeberst, A., & Imhoff, R. (2023). Toward Parsimony in Bias Research: A Proposed
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https://doi.org/10.1177/17456916221148147

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https://doi.org/10.1073/pnas.1806781116

Shu, K., Sliva, A., Wang, S., Tang, J., & Liu, H. (2017). Fake News Detection on Social
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https://doi.org/10.1145/3137597.3137600

Stark, B., Magin, M., & Jürgens, P. (2021). Maßlos überschätzt. Ein Überblick über
theoretische Annahmen und empirische Befunde zu Filterblasen und Echokammern.
In M. Eisenegger, M. Prinzing, P. Ettinger, & R. Blum (Hrsg.),
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Swire, B., Berinsky, A. J., Lewandowsky, S., & Ecker, U. K. H. (2017). Processing
political misinformation: Comprehending the Trump phenomenon. Royal
Society Open Science
, 4(3), 1–16.
https://doi.org/10.1098/rsos.160802