
Nur kurz ein Video anschauen, eine Nachricht beantworten oder nachsehen, was es Neues gibt und plötzlich ist deutlich mehr Zeit vergangen als geplant. Soziale Medien sind für Jugendliche zugleich Unterhaltungsraum, Informationsquelle und wichtiger Ort für Freundschaften. Ihre Nutzung bleibt dabei jedoch selten bei einem eindeutigen Gefühl, Inspiration und Verbundenheit können ebenso entstehen wie Druck, Einsamkeit oder ein schlechtes Gewissen. Viele Jugendliche erleben deshalb einen widersprüchlichen Umgang mit Plattformen, deren Algorithmen sie häufig länger binden, als sie selbst beabsichtigen.
Inhalte und Vorgehensweise der JIMplus-Studie
Genau das zeigt die aktuelle JIMplus-Studie 2026 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs). Mit ihr hat er damit vor einer guten Woche, zusätzlich zu seinen Basisuntersuchungen, einen Zwischenbericht vorgelegt, in dem er sich erstmals mit dem Wohlbefinden der 14-17-jährigen Jugendlichen bei der Nutzung von Social Media befasst. Qualitative Online-Tagebücher (33) und Interviews (20) werden mit einer repräsentativen Befragung von 800 Teilnehmenden kombiniert, um die Perspektiven Jugendlicher umfassender abzubilden. In der jährlichen JIM-Studie geht es um Nutzungszeiten und Lieblingsplattformen, hier vor allem um das subjektive Wohlergehen.
Vorlieben für Freizeitbeschäftigung offline und online werden nach Geschlecht abgefragt und ihr jeweiliger Wohlfühlfaktor wird ermittelt. Dieser ist laut JIMplus-Studie am höchsten, wenn Jugendliche dabei ihre Zeit mit Freund:innen verbringen. An zweiter Stelle stehen, differenziert nach Geschlecht Familie (Mädchen) und Mannschaftssport (Jungs) sowie an dritter Mannschaftssport (Mädchen) und Gaming (Jungs). Die Studie weist darauf hin, dass die Beschäftigung mit den Sozialen Medien zwar für beide Geschlechter zu den wichtigsten Freizeitaktivitäten gehört, der damit verbundene Wohlfühlfaktor jedoch deutlich geringer ausfällt.
Im Anschluss betrachtet die Studie zentrale Daten und Fakten zur Social-Media-Nutzung. Dazu gehören die genutzten Plattformen, das Einstiegsalter und die Nutzungsdauer. Differenziert nach Geschlecht, Alter und Bildung bewerten die Jugendlichen außerdem, welche Angebote ihnen guttun oder nicht guttun, welche Plattformen für sie unverzichtbar sind und welche Themen ihnen im eigenen Feed begegnen.
Die Studie identifiziert drei Spannungsfelder
Die qualitativen Interviews zeigten, dass sich die die Jugendlichen in drei Spannungsfeldern bewegen. Aus ihnen resultierte die weitere Befragung der Jugendlichen. Die Ergebnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
Leichtigkeit vs. Überlastung: Social Media lenkt ab, unterhält, macht gute Laune. 73 % der Jugendlichen geben an, dass ihr Nutzungsverhalten dem Algorithmus hilft, ihre Vorlieben zu erkennen, 68 % nutzen die Plattformen zur Ablenkung von Stress. Gleichzeitig berichten 72 %, dass sie sich von Dingen ablenken lassen, die eigentlich anstehen würden, und 64 % haben Mühe, das Smartphone einmal in der Hand wieder wegzulegen.
Horizonterweiterung vs. Vergleichsdruck: 82 % der Befragten sagen, sie hätten über soziale Medien Zugang zu Themen und Wissen, den sie sonst nicht hätten. Zugleich vergleichen sich 65 % automatisch mit anderen, sobald sie eine Plattform öffnen: 51 % haben den Eindruck, andere würden ein besseres Leben führen, und 36 % zweifeln daran, ausreichend gut zu sein. Besonders betroffen hiervon sind Mädchen.
Verbundenheit vs.FOMO und Einsamkeit: 63 % finden über soziale Netzwerke leichter Gleichgesinnte, 59 % berichten von einfacherem Kontakt zu anderen Menschen. Doch 47 % hätten ohne Social Media das Gefühl, nicht dazuzugehören, 43 % haben Angst, etwas zu verpassen, wenn sie nicht online sind.

Umgang mit problematischen Inhalten
Für viele Jugendliche gehören problematische Inhalte zum Alltag. Besonders häufig begegnen ihnen, in absteigender Reihenfolge, Fake News, extremistische oder radikalisierende Inhalte, Hate Speech, sexistische Inhalte, Mobbing und Gewaltdarstellungen.Als besonders belastend erleben Jugendliche Gewaltdarstellungen und Mobbing sowie Aufrufe zu Essstörungen oder selbstverletzendem Verhalten sowie ungewollte Nacktbilder. Auffällig ist, dass viele problematische Beiträge zwar wahrgenommen, aber meist lediglich durch Weiterscrollen beantwortet werden. Nur etwa ein Viertel meldet solche Inhalte den Plattformen.
Jugendliche wünschen sich mehr Schutz
Interessant ist auch der Blick auf die aktuelle Debatte um Altersgrenzen für Soziale Medien. Obwohl über die Hälfte der Jugendlichen bezweifelt, dass Altersbeschränkungen wirksam kontrolliert werden können, sprechen sich 45 % der Befragten für eine stärkere Inpflichtnahme der Plattformen aus, 43 % der Befragten stimmen grundsätzlich für ein Mindestalter. Viele empfehlen rückblickend sogar einen späteren Einstieg, als sie ihn selbst erlebt haben. 38 % wünschen sich technische Lösungen für häufigere Pausen oder zur Begrenzung der Nutzungsdauer.
Was Jugendlichen hilft
Wie Jugendliche mit belastenden Situationen und Sorgen umgehen, zeigt die Studie ebenfalls. Als Bewältigungsstrategien nennen die Befragten Musik hören, der Austausch mit Freund:innen, das Gespräch mit erwachsenen Vertrauenspersonen sowie auch die Nutzung von Social Media, das Anschauen von Serien oder das Spielen von Games. Auffällig ist zugleich, dass das Vertrauen in Erwachsene mit dem Alter abnimmt. So sprechen 53 % der 14- bis 15-Jährigen bei Kummer mit einer erwachsenen Bezugsperson, während es bei den 16- bis 17-Jährigen nur noch 41 % sind. Gleichzeitig nimmt die Ablenkung über Social Media zu. Ein deutlicher Hinweis an die Bezugspersonen, wie wichtig regelmäßige Gesprächsangebote an die Jugendlichen sind. Noch nimmt der Austausch mit einem Chatbot relativ wenig Raum ein (12 %). Auch das familiäre Umfeld spielt eine messbare Rolle: Jugendliche, die mit ihren Eltern über ihre Online-Erfahrungen sprechen können, oder die in der Schule Angebote zum sicheren Umgang mit Social Media erhalten, zeigen ein höheres Verständnis für bestehende Regeln im Umgang mit dem Smartphone.
Was das für die medienpädagogische Praxis bedeutet
Für die Medienpädagogik bedeutet es, dass Medienkompetenz heute nicht mehr nur Informations- und Bewertungskompetenzen umfasst, sondern ebenso die Fähigkeit, das eigene digitale Wohlbefinden wahrzunehmen und digitale Medien bewusst zu gestalten. Genau hier können Eltern, Lehrkräfte und medienpädagogische Fachkräfte Jugendliche begleiten und stärken. Digitales Wohlbefinden ist eine gemeinsame Aufgabe. Auch Politik und Plattformbetreiber tragen Verantwortung dafür, digitale Räume gesund und sicher zu gestalten und erlebbar zu machen.
Medienpädagogische Angebote können dazu beitragen, junge Menschen im reflektierten Umgang mit Sozialen Medien zu stärken und ihre Handlungskompetenz zu fördern. Das bedeutet, neben zeitlichem und technischem Eingreifen ist es ebenso wichtig, junge Menschen zu begleiten, ihre
- digitalen Erfahrungen zu reflektieren und einzuordnen,
- Vergleichsdruck und Schönheitsideale kritisch zu hinterfragen,
- Algorithmen und KI-generierte Inhalte zu durchschauen,
- problematische Inhalte zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren,
- Strategien für digitale Balance und Erholung zu entwickeln,
- das eigene digitale Wohlbefinden bewusst wahrzunehmen.
Im Gespräch bleiben
Gerade das Gespräch über persönliche Erfahrungen im Netz, etwa über Unsicherheiten, Vergleichsdruck und den Umgang mit belastenden Inhalten, kann einen entscheidenden Beitrag zu einer reflektierten Mediennutzung leisten. Wichtig bleibt hier das aktive Zuhören, ohne zu verurteilen oder zu belehren.
Wo dieser Austausch fehlt, wächst die Unsicherheit; wo er stattfindet, wächst die Kompetenz. Für die medienpädagogische Praxis bedeutet das einen klaren Auftrag: Räume zu schaffen, in denen Jugendliche über ihre digitalen Erfahrungen sprechen können, ohne sich rechtfertigen zu müssen.
Die vollständige JIMplus-Studie sowie Infografiken und Präsentationsmaterialien stehen auf der Website des mpfs zur Verfügung.
JIMplus 2026: Gesamtbericht, Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs)
