
Worum geht’s?
Kurz-Animationsfilm ohne Dialog von Alfredo Soderguit
Länge: 10 Minuten
Frankreich, Uruguay, Chile 2024
Produktion: Nicolas und Emilie Schmerkin (Autour de Minuit), Alfredo Soderguit (Estudio Palermo) u.a.
Lehrprogramm, pädagogische Empfehlung: ab 5 Jahren
Elementarbereich, Grundschule, Fachakademien
Zu Beginn der Jagdsaison werden die Wasserschweine unruhig und verstecken sich im Schilf. Im Hühnerhof dagegen geht alles seinen gewohnten, ruhigen Gang. Doch dann beginnen sich die Wasserschweine, auch Capybaras genannt, für das geschützte Leben der Hühner zu interessieren. Der Hahn begegnet ihrer Annäherung zunächst mit Ablehnung. Doch ein Küken freundet sich mit dem Jüngsten der Capybaras an und rettet ihm sogar das Leben. Schließlich ziehen die Capybaras in den Hühnerstall ein. Damit geraten sie allerdings erneut ins Visier der Jäger. Am Ende beschließen sie gemeinsam mit den Hühnern zu den Schafen weiterzuziehen, in der Hoffnung, dort endlich friedlich leben zu können.
Welche medienpädagogischen Themen werden im Film angesprochen?
- Elementares Lernen mit Medien
- Filmbildung und ästhetische Bildung
- Sprech- und Erzählanlässe
- Interkulturelle Bildung
- Identitätsarbeit, Gemeinschaft
- Wertebildung
- Medienproduktion (eKamishibai, Text und Ton)
Medienbildung von Anfang an
In der Diskussion um Nutzungsverbote für Smartphones und Soziale Medien steht häufig der Schutz von Kindern vor schädlichen Medieneinflüssen im Vordergrund. Medienbildung beginnt jedoch bereits beim Vorlesen von Märchen oder beim gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern. Schon im Elementarbereich stellt sich daher die Frage, wie Kinder bei der Auseinandersetzung mit Medien pädagogisch begleitet werden können.
Dass diese Form der Medienrezeption bereits im Elementarbereich zur Förderung von Medienkompetenzen beitragen kann, zeigt sich auch in den Bildungsplänen der Bundesländer für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen. In der Ausbildung von Erzieher:innen ermöglicht der Kurzfilm „Capybaras“ fachbezogenes Lernen über Medien: Sie „üben die Techniken des freien Sprechens, indem sie Texte aus dem Bereich der Kinderliteratur vor einer Gruppe vorlesen und erzählen“ („…Gestaltung von Vorlesetexten für Kindergartenkinder: Bilderbuchgeschichten[…] / „Erzählen“) (Lehrplan Berufskolleg für Sozialpädagogik (1BKSP) 2003 /2010).

Filmbildung als Teil der Medienbildung
Filmbildung ist fester Bestandteil der Medienbildung und als solche fächerübergreifend in zahlreichen Bildungsplänen der Länder verankert. Wer die Filmsprache beherrscht, kann souverän und kritisch mit audiovisuellen Angeboten umgehen und selbst kreativ werden bei der Mediengestaltung. Filmbildung beinhaltet die Förderung des ästhetischen Empfindens, der Geschmacks- und Urteilsbildung sowie der individuellen Ausdrucksfähigkeit. Wer filmische Mittel und Symbole versteht, orientiert sich leichter in einer Kommunikationskultur, die geprägt ist von bewegten Bildern.
Der Mehrwert von Film liegt dabei in dem, was Sprache allein oft nicht leisten kann. Film ist sinnlich und emotional zugänglich, auch bei komplexen Themen, die sich schwer in Worte fassen lassen, und bietet daher für alle Altersgruppen einen niedrigschwelligen Zugang. Über Tierfiguren oder andere Identifikationsfiguren lassen sich Themen und Erfahrungen verhandeln, ohne dass Zusehende persönliche Anliegen offenlegen müssen. Pointiert stellt der Film häufig verschiedene Perspektiven nebeneinander und schult damit den Umgang mit Ambivalenzen und Widersprüchen. Eine Kompetenz, die heute dringend gebraucht wird.
Ein Film ganz ohne Worte: Niederschwelligkeit als Prinzip
„Capybaras“ kommt vollständig ohne Sprache aus. Da die Handlung über Laute, Blicke und Handlungen vermittelt wird, setzt das Verständnis der Geschichte keine Kenntnisse einer bestimmten Sprache voraus. Dies erleichtert den Einsatz auch in sprachlich heterogenen Gruppen. Die Geschichte wird damit auch für jene zugänglich, um die es im Film geht: Neuankömmlinge, die sich in einer fremden Gemeinschaft zurechtfinden müssen. Zugleich erlaubt die Tierfabel eine Auseinandersetzung mit den Themen Fremdheit, Angst und Gemeinschaft, ohne dass Kinder ihre eigenen Erfahrungen offenlegen müssen. Dennoch entstehen durch das Verhalten der Tiere und Menschen ausreichend Gesprächsanlässe, die Raum für unterschiedliche Anknüpfungspunkte der Kinder lassen.
Interkulturelles Lernen: Migration elementar thematisieren
Als Tierfabel ist die Filmerzählung auf einen Vergleich mit menschlichen Lebens- und Gesellschaftsverhältnissen angelegt. Dabei geht es um das Zusammenleben von Einheimischen und Neuankömmlingen. Kinder im Elementarbereich sind entwicklungspsychologisch-kognitiv bereits zu punktuell bewusstem Transfer fähig. So bietet sich für die pädagogische Praxis bei „Bilderbuchbetrachtung“ oder Filmgespräch die Möglichkeit, gemeinsam mit den Kindern nach passenden Lebenserfahrungen in ihrem interkulturellen Zusammenleben zu suchen, ebenso wie nach Werthaltungen „auf der Basis lebensbejahender … weltanschaulicher Grundüberzeugungen“, die ein gutes Zusammenleben fördern.
Unmittelbares Filmerleben führt Kinder hier allerdings eher untergründig und zunächst ambivalent-ergebnisoffen zu Motiven der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Gemeinschaften, der Feindseligkeit und Angst oder des Schutzes und der Rettung vor Verfolgung, ebenso zu Motiven des Abenteuers, der Freundschaft und der Geborgenheit in Verschiedenheit. Gewinnbringend bleibt am Ende die mit dem Film hervorragend geförderte Fähigkeit zum Perspektivwechsel, bei dem auch Verständnis für Gegenargumente entsteht. Ob Hühnern, Capybaras und Schafen ein Zusammenleben gelingt, bleibt offen. Als Wild- oder Zuchttiere sind sie jedoch gleichermaßen von der Nutzung durch den Bauern oder Jäger betroffen (Eier, Fleisch, Fell etc.). Dies ermöglicht vielleicht eine Horizonterweiterung, bei der der entscheidende Unterschied nicht in der Verschiedenheit der Arten liegt, sondern im kulturübergreifenden Gegensatz zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern.

Zum Einsatz mit Kindern im Elementarbereich / Anfang Grundschule
Neben klassischer Präsentation im Plenum oder in der Kleingruppe mit anschließendem Gruppengespräch bietet der Kurzfilm viele Variationsmöglichkeiten des medienpädagogischen Einsatzes: Farbig ausgedruckte und vergrößerte Screenshots bilden ein Kamishibai (Erzähltheater), das gezeigt und besprochen werden kann. Diese Screenshots können auch foliert im Bilderbuchformat für die individuelle Nutzung bereitgestellt werden. Mit dem Tablet können Kinder nicht nur den Film für sich abspielen, sondern auch das Bilderbuch selbständig in eigenem Tempo betrachten oder in der Kleingruppe mit den Erzieher:innen besprechen. Das Bilderbuch kann auch gemeinsam mit einer Tonspur versehen werden.
Zum Einsatz in der Medienarbeit von Erzieher:innen in der Kita und mit Auszubildende in der Fachschule
Die Fachschüler:innen bzw. Erzieher:innen wählen und erzeugen vorab Screenshots aus dem Kurzfilm und stellen diese zu einem Bilderbuch (digital oder Print) zusammen. Sie entwerfen Erzähltexte, die sich an der Auffassungsgabe ihrer Zielgruppe und an ihren persönlichen Erzählvorlieben orientieren. So kann eine selbst erzählte Tonspur für den ganzen Film oder für ausgewählte Filmbilder entstehen. Diese könnte auch in der Form von einzelnen selbst produzierten mp3-Files in das Bilderbuch integriert werden, das im Medienpaket als H5P-Lernelementtyp „Agamotto“ enthalten ist. Dazu sind Medienproduktionsfertigkeiten der Auszubildenden gefragt (Tonspur erzeugen, H5P-Lernelemente konfigurieren).
In der Ausbildung kann so das Medialitätsbewusstsein künftiger pädagogischer Fachkräfte geschärft werden: Vom Erzählen (oral) zum Texterstellen (schriftlich) und vom Text wieder zurück zum Hören, um die Eignung des Ergebnisses für die kindliche Zielgruppe zu überprüfen. Es folgt der Blick auf das (Stand-)Bild, um zu erfahren, welchen Ausschnitten medial vermittelter Realität der Vorzug gegeben werden sollte, sowohl im Sinne der Werktreue als auch der eigenen pädagogischen Intention. Bilderschließende Kommunikationsimpulse (entwickelnde Fragen an die Kinder im freien Gespräch) sind eine weitere Option. Im Medienpaket findet sich zudem eine Auswahl von Screenshots und dazu vorgeschlagener möglicher Erzähltexte, die die Fachschullehrkraft den Auszubildenden zum Vergleich mit den eigenen Entwürfen vorlegen kann.

Anknüpfungspunkte für aktive Medienarbeit
Bilderbuch und Kamishibai
Ausgewählte Szenen werden, analog oder digital, zu einer eigenen Bildergeschichte zusammengestellt und mit Erzähltexten versehen. Diese können der Fachkraft bei der Durchführung auch lediglich als Stichwortgeber dienen. Mit Hilfe des „Dialogischen Lesens“ lassen sich die Kinder anschließend zum Sprechen und Erzählen anregen: „Die Idee ist, dass die Bezugsperson die Kinder durch verschiedene sprachunterstützende Strategien ins Sprechen bringt. So stellt die Bezugsperson möglichst offene Fragen, die vielfältige, längere Antworten der Kinder anregen, erweitert die Äußerungen der Kinder und unterstützt sie dabei, Verknüpfungen zu ihrer eigenen Lebenswelt herzustellen. Daraus ergibt sich, dass die Kinder eine aktivere Rolle als beim klassischen Vorlesen einnehmen.“
Audio erzeugen
Die Kinder entwickeln zur Geschichte eigene Geräusche, Musik oder Dialoge und analysieren, wie sich die Wirkung der Szene verändert. Damit wird schon in der Kita ein Übungsfeld zum Schriftsprachenerwerb eröffnet. Medien- und Bibliothekszentren halten dafür kindergerechte, einfach zu bedienende Geräte zur Ausleihe bereit (z. B. Rheinland-Pfalz).
Neue Geschichten erzählen
Ausgehend vom Film entwickeln die Kinder eigene Geschichten, zum Beispiel als Comic, Bilderbuch, Hörbuch oder Animation. Solche Bildpädagogik hat nachgewiesenermaßen fördernde Wirkung auch auf die Sprachkompetenz (und den Spracherwerb) der Kinder.
Perspektivwechsel
Die Kinder wählen eine Figur und erzählen die Geschichte aus ihrer Perspektive, zum Beispiel als Monolog oder Sprachnachricht. Eine solche Aufgabe knüpft insbesondere bei älteren Kindern im Elementarbereich an einen wichtigen Entwicklungsschritt der „Theory of Mind“ an. Im Vorschulalter entwickeln Kinder zunehmend die Fähigkeit zu verstehen, dass andere Personen über eigene Gedanken, Wissensstände und Überzeugungen verfügen, die sich von den eigenen unterscheiden können. Etwa ab dem vierten Lebensjahr gelingt es ihnen zunehmend auch, falsche Überzeugungen einer anderen Person zu berücksichtigen und deren Handeln aus dieser Perspektive nachzuvollziehen.
Meme und Social Media
Eine Filmszene wird digital oder analog als Meme oder Social-Media-Post gestaltet und die Kinder reflektieren dabei über Funktion und Wirkung. Wie das im Unterricht gelingen kann und Transfers in die Lebenswelt der Heranwachsenden möglich macht, darauf verweist ein mekomat-Beitrag von medienkompetenz CONNECT.
Weiterführende Materialien
Weitere Materialien rund um das Thema frühkindliche Medien- und Filmbildung finden sich auf medienkompetenz-connect.de und mekomat.de.
Kita ab 5 Jahren, Grundschule, Fachakademien, Integrationskurse und inklusive Formate.
Bezugsmöglichkeiten
Der Film ist bei verschiedenen Medienzentralen im Medienportal erhältlich.
Die digitale Version des Films mit Vorführrechten kann beim Katholischen Filmwerk bezogen werden.
Fazit
Der Animationskurzfilm „Capybaras“ bietet über die Frage nach dem Umgang mit Neuankömmlingen hinaus zahlreiche Möglichkeiten für die pädagogische Arbeit. Die Geschichte greift unterschiedliche Erfahrungen des Zusammenlebens auf und regt dazu an, sich mit den Sichtweisen und Beweggründen der Figuren auseinanderzusetzen. Dass der Film dabei ohne Dialoge auskommt, erleichtert den Einsatz auch in sprachlich heterogenen Gruppen. Zugleich zeigen die vorgestellten Methoden, wie sich die Beschäftigung mit dem Film mit der Förderung von Sprach- und Medienkompetenz verbinden lässt. Kinder können die Geschichte nicht nur im Gespräch erschließen, sondern auch durch eigene Erzählungen, Bilder und Tonaufnahmen mitgestalten. Für angehende pädagogische Fachkräfte bietet die Aufbereitung des Films wiederum Gelegenheit, die Auswahl und Gestaltung von Medienangeboten an den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe auszurichten. Damit eignet sich „Capybaras“ sowohl für die Arbeit in Kita und Grundschule als auch für eine praxisbezogene Auseinandersetzung mit Filmbildung in der pädagogischen Ausbildung.
