Zwischen Babel und gemeinschaftlichem Aufbau – Die Enzyklika des Papstes Leo XIV.

Zwischen Babel und gemeinschaftlichem Aufbau – Die Enzyklika des Papstes Leo XIV.

Zwischen Babel und gemeinschaftlichem Aufbau – Die Enzyklika des Papstes Leo XIV.
Foto: Omer Gülen – Pexels (CC0)

Magnifica Humanitas und die Frage nach dem Menschen

Die Enzyklika des Papstes Leo XIV. hat seit ihrem Erscheinen am Pfingstmontag ein breites Echo und vielfältige Reaktionen hervorgerufen, überwiegend wertschätzende und anerkennende. Dass ausgerechnet eine päpstliche Enzyklika derzeit zu den bemerkenswertesten und meist besprochenen Wortmeldungen im Zusammenhang mit einer neuen Technologie gehört, hätte vermutlich vor wenigen Jahren niemand erwartet.

Der Papst selbst folgt mit seiner ersten Enzyklika jedoch ganz konsequent der Linie, die er mit seinem Antritt bereits vorgegeben hat: Die umwälzenden Auswirkungen, die die Nutzung Künstlicher Intelligenz für die Gesellschaft und das Sozialgefüge bedeuten, setzt er gleich mit den Umbrüchen durch die Industrielle Revolution. Deshalb knüpfte er bereits mit der Wahl seines Namens an Papst Leo XIII. an. Auch die Unterzeichnung am 15. Mai – genau 135 Jahre nach der Veröffentlichung von Rerum Novarum – stellte einen bewussten Bezug zu dessen Sozialenzyklika her. Die Bedeutung, die er dem Dokument zumisst, unterstreicht er durch seine persönliche Anwesenheit am Tag der Veröffentlichung – ein eher unübliches Vorgehen.

Kuriose Reaktionen

Zu den medialen Reaktionen zählen auch kuriose Beiträge, etwa der Bericht unter der Überschrift „KI-Verdacht bei Enzyklika von Papst Leo XIV.“: Wissenschaftler untersuchten mithilfe technischer Unterstützung durch KI-Detektoren, ob der Text der Enzyklika womöglich ganz oder teilweise mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt wurde. Abgesehen davon, dass der Erkenntnisgewinn entsprechender Tools nachgewiesenermaßen (Tests zeigen: KI Scanner sind weiterhin nicht zuverlässig!) widersprüchlich und damit überschaubar ist, verkennt dieser Fokus, dass Papst Leo XIV. keinesfalls technikfeindlich ist und die Nutzung der Technologie nicht ablehnt. Ihm geht es stets um die grundsätzliche Frage, was der Mensch daraus macht.

Zwischen Babel und Gemeinschaft

Zur Verdeutlichung nutzt er biblische Bilder: Wird KI zum neuen Babel, zur Infrastruktur von Machtkonzentration und Entfremdung? Oder gelingt es, die Technologie so zu gestalten, dass sie Gemeinschaft, Demokratie und Menschenwürde stärkt, wie bei dem gemeinsamen Wiederaufbau Jerusalems, organisiert durch die biblische Figur des Nehemia.

Nur das gemeinschaftlich verantwortete Handeln der Menschen, die nach christlichem Verständnis Ebenbilder Gottes sind, kann gewährleisten, dass technologische Entwicklungen dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Daraus ergibt sich der Auftrag, die digitale Transformation so zu gestalten, dass menschliche Bedürfnisse, das menschliche So-Sein und die menschliche Würde berücksichtigt sowie gesellschaftliche Teilhabe und ein soziales wie ethisch abgesichertes Miteinander gefördert werden.

Der Papst würdigt KI als Werkzeug

Warum also sollte der Papst für die Enzyklika keine textgenerierenden Chatbots zur Unterstützung nutzen, wenn er KI-Systeme doch grundsätzlich als chancenreiches Werkzeug begrüßt? Ihm geht es um etwas anderes: Um die Bewahrung menschlicher Urteilskraft, Verantwortung und Beziehungsfähigkeit. Damit ist auch entscheidend für ihn, welche Interessen, Werte und Machtstrukturen, diese Werkzeuge in sich tragen, – wer entwickelt, wer finanziert und wer kontrolliert?

Hier beschäftigt er sich, ohne Namen zu nennen, offensichtlich mit den großen Plattformen und KI-Konzernen sowie deren zentralen Machtfiguren und zugrundeliegenden Motivationen. Er warnt vor einem Einfluss zu Lasten der Gemeinschaft bis hin zur Ausbeutung und Ökonomisierung persönlicher Daten und einem neuen digitalen Kolonialismus. Eine Situation, der auch Recht und Politik Einhalt gebieten müsse. Er fordert wertebasiertes Handeln, Regulierung und Kontrolle, und setzt einen eigenen Akzent mit einer an der Digitalität ausgerichteten und aktualisierten Sozialethik.

Zwischen Babel und gemeinschaftlichem Aufbau – Die Enzyklika des Papstes Leo XIV.
Foto: Efrem Efre – Pexels (CC0)

Zahlreiche Reaktionen im Netz

Viele Stimmen begrüßen die Äußerungen des Papstes als eine grundsätzlich längst überfällige moralische Intervention. Das Portal netzpolitik.org beispielsweise bescheinigt ihm damit eine „erstaunliche“ Anschlussfähigkeit an progressive netzpolitische Positionen. Zugleich stößt die Einbindung von Anthropic, dessen Mitgründer Chris Olah bei der Vorstellung des Dokuments anwesend war, in diesem Zusammenhang jedoch auch auf Kritik. Gerade Fragen zur Nachhaltigkeit, dem Energieverbrauch und den Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt sollten auch hier gestellt werden. Insgesamt würdigen die Medien aber weithin, dass der Papst die Themen „Macht“ und deren „Kontrolle“ ungewöhnlich deutlich anspricht.

„Ökologie der Kommunikation“ – Relevanz für die Medienbildung

Die grundsätzlichen Fragestellungen, die Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika entwickelt, berühren zentrale Anliegen der Medienbildung. Hier geht es nicht nur darum, wie eine Technologie funktioniert, sondern welche gesellschaftlichen Folgen damit verbunden sind und wie sie das Menschsein verändert. Was geschieht mit der Wahrheit unter algorithmischem Druck? Wie verändert sie unsere Entscheidungsfähigkeit?

Leo XIV. spricht in diesem Zusammenhang von einer „Ökologie der Kommunikation“ (MH 137). Gemeint ist eine Medienumgebung, in der Menschen unterscheiden können zwischen Information und Manipulation, zwischen Dialog und Abwertung, zwischen Orientierung und algorithmisch verstärkter Empörung sowie zwischen Beteiligung und Ausbeutung. Eine solche Kommunikationskultur sorgt für Transparenz, Beachtung des Datenschutzes, Stärkung von seriösem Journalismus und fördert Digitalbildung und demokratische Vermittlungs- und Kontrollinstanzen. Wenn der Papst von einer „Entwaffnung“ der Künstlichen Intelligenz spricht, meint er die Verhinderung von Entwicklungen, die menschliche Freiheit, Verantwortung und Selbstbestimmung untergraben.

Das klingt nach einer erstaunlichen Übereinstimmung mit den Anliegen und Zielen der Medienpädagogik. Denn wir erleben täglich, dass digitale Plattformen nicht Wahrhaftigkeit belohnen, sondern häufig Reichweite, Geschwindigkeit und emotionale Zuspitzung. Aufmerksamkeit wird zur Währung, Polarisierung profitabel.

Digitale Räume menschlich gestalten

Die Enzyklika benennt diese Problematik deutlich und verbindet sie mit einer demokratischen Warnung und einem Appell an alle Beteiligten. Medienkompetenz ist dabei demokratische Kulturtechnik und Grundlage politischer Mündigkeit. Die Verantwortung dafür müssen alle gemeinsam schultern. Bildung, Beteiligung und Räume echter Begegnung sind dabei unverzichtbar.

Gute Medienbildung könnte Teil eines Bauplanes im Sinne Nehemias sein: Wir bauen und lernen gemeinsam, nicht durch Vorgaben einer Minderheit, sondern in gemeinsamer Verantwortung im Bewusstsein der gleichen Würde und der gleichen Rechte des Menschen in all seiner Unterschiedlichkeit. Übertragen auf die digitale Gesellschaft bedeutet dies, Räume für Reflexion, Urteilsbildung und Teilhabe zu schaffen. Im Zentrum steht dabei stets dieselbe Frage: Wie bewahren wir unsere Menschlichkeit?

Natürlich ist Magnifica Humanitas kein medienpädagogisches Handbuch, aber der Text bietet einen wichtigen Orientierungsrahmen für eine Zeit, in der sich technologische Entwicklung schneller vollzieht als gesellschaftliche Verständigungsprozesse. Für kirchliche und gesellschaftliche Bildungsarbeit ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: Räume zu schaffen, in denen Faktenorientierung, Dialogfähigkeit und verantwortliche Kommunikation gestärkt werden. Gerade kirchliche Bildungsorte, Schulen, Erwachsenenbildung, Jugendpastoral, Familienbildung oder Medienzentren können dabei wichtige Räume für Orientierung, Reflexion und ethische Debatten schaffen.