
Worum geht’s?
Eckdaten des Films:
Dokumentarfilm mit Animationselementen, Deutschland 2025, 52 Min. (Kinofassung 80 Min.), rbb/arte
Buch und Regie: Felix Moeller
Kamera: Alexander Vexler
Montage: Erec Brehmer
Produktion: Amelie Latscha, Felix Moeller
Lehrprogramm, pädagogische Empfehlung: ab 14 Jahren
Schuljahre: Sek I ab Klasse 9, Sek II
Die „Protokolle der Weisen von Zion“ sind eine antisemitische Verschwörungserzählung über eine angebliche jüdische Weltherrschaft. Erstmals 1903 veröffentlicht, wurde das Dokument bereits in den 1920er-Jahren als Fälschung entlarvt. Dennoch hält sich das Narrativ bis heute hartnäckig. Die Doku „Weltkarriere einer Lüge – Die Protokolle der Weisen von Zion“ rekonstruiert die Entstehungs- und Erfolgsgeschichte und zeigt, wie es in verschiedenen Kontexten bis heute genutzt wird, um gegen Jüd:innen zu hetzen. Es gilt als klassisches Beispiel für moderne Hasspropaganda und wurde in über 30 Sprachen übersetzt sowie weltweit verbreitet.
Welche medienpädagogischen Themen werden im Film angesprochen?
- Verschwörungserzählungen und Geschichtsverfälschung
- Antisemitismus
- Nationalsozialismus
- Propaganda und Medienmanipulation
- Extremismus und Rechtsradikalismus
- Social Media und Hatespeech
- KI und Algorithmen
- Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
- Demokratiebildung
Muster von Narrativen
Felix Moeller, bereits durch seinen mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten Dokumentarfilm „Jud Süß 2.0: Vom NS- zum Online-Antisemitismus“ (2022) bekannt, widmet sich erneut der Frage, wie antisemitische Narrative medial funktionieren und überdauern. Er zeigt dabei, dass sich auch die „Protokolle“ eines bekannten und erfolgreichen Musters bedienen. Sie reduzieren komplexe gesellschaftlichen Krisen auf eine scheinbar einfache Ursache: Eine angeblich homogene, im Geheimen agierende Gruppe wird für politische und wirtschaftliche Umbrüche verantwortlich gemacht. Die Codes können dabei durchaus wechseln, die Deutung indes bleibt gleich. Wo früher von „jüdischer Weltverschwörung“ die Rede war, heißt es heute „Globalisten“, „Eliten“, „Lügenpresse“ oder „New World Order“.
Moeller verfolgt diese Erzählung in seinem Film durch die Jahrzehnte, von ihrer Entstehung im russischen Zarenreich über ihre massenmediale Verbreitung im Amerika Henry Fords, ihre Funktion als nationalsozialistische Rechtfertigungsideologie bis hin zur Hamas-Charta, zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und zu antisemitischen popkulturellen Ausfällen. Eine effektive Verbreitungsmöglichkeit finden die Erzählungen heute besonders in den Sozialen Medien. Dabei verbindet sich Antisemitismus häufig mit Rassismus, Antifeminismus und antidemokratischen Weltbildern.
Filmsprache, Form und Medienpädagogik
Moeller kombiniert in seiner Dokumentation Interviews von Historiker:innen, Journalist:innen und Aktivist:innen mit historischem Archivmaterial und animierten Sequenzen. Gerade diese ästhetische Entscheidung ist medienpädagogisch besonders reizvoll: Die Animationen visualisieren die absurde Bildwelt der Verschwörungserzählung, wie z. B. das angebliche Geheimtreffen von Rabbinern auf dem Prager Friedhof, die Inszenierung einer globalen Intrige, und machen dabei sichtbar, wie stark Bilder zur emotionalen Aufladung solcher Mythen beitragen. Zugleich ist ein Teil der Bilder KI-generiert, was selbst zum Thema gemacht werden kann: Wer produziert solche Bilder? Auf welchen Vorlagen beruhen sie? Welche Stereotype können dabei unbewusst reproduziert werden? Diese Fragen verbinden die historische mit einer aktuellen medienkritischen Ebene.

Gegenwart: Vom Narrativ zur Gewalt
Der Film benennt konkrete Folgen antisemitischer Verschwörungsideologien: die rechtsterroristischen Anschläge von Pittsburgh (2018) und Halle/Saale (2019) werden in ihrer direkten ideologischen Verbindung zu den „Protokollen“ analysiert. Beide Attentäter beriefen sich auf Verschwörungsphantasien einer jüdischen Weltherrschaft.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Gegenwart der digitalen Öffentlichkeiten: Algorithmische Verstärkung, emotionalisierende Inhalte, virale Weitergabe von Memes und Emojis – der Film zeigt, wie die alte antisemitische Erzählung im neuen medialen System eine neue Verbreitungsinfrastruktur gefunden hat.
Medienpädagogischer Einsatz
Für die medienpädagogische Arbeit eröffnet der Film zahlreiche Anknüpfungspunkte. So eignet er sich beispielsweise, um über Funktionsweisen von Verschwörungserzählungen zu sprechen, über Verantwortung von Plattformen, über die emotionale Dynamik von Hass und über die Frage, warum Menschen gerade in Krisenzeiten nach einfachen Erklärungen greifen.
Zugleich verlangt der Film eine sensible pädagogische Rahmung. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus berührt biografische Erfahrungen und löst Emotionen aus. Aktuelle politische Diskussionen polarisieren und werden auch an unpassender Stelle mit angeführt. Gleichzeitig kann nicht bei allen Teilnehmenden dasselbe Vorwissen vorausgesetzt werden. Umso wichtiger sind Zeit für Einordnung, offene Gespräche und ein klar benannter Schutzraum. Hilfreich ist hier das Material der Seiten www.stopantisemitismus.de sowie antisemitismus.wtf um Jugendliche zu unterstützen, Antisemitismus zu erkennen, zu verstehen und ihm entgegenzutreten.
Begleitende Arbeitsmaterialien (Autorin: Alia Pagin) unterstützen die vertiefende Auseinandersetzung und ermöglichen sowohl historische als auch medienkritische Zugänge. Sie greifen aktuelle Debatten zu KI-generierten Bildern, Memes und Desinformation ebenso auf wie klassische Fragen politischer Bildung. In Kombination mit dem Film ermöglichen die Lernmaterialien die sinnvolle Verschränkung von historischer Aufklärung und Medienkompetenz.

Zum Einsatz in der (außer-)schulischen Medienarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Für die schulische und außerschulische Arbeit mit Jugendlichen ab etwa 14 Jahren bietet „Weltkarriere einer Lüge“ einen besonders geeigneten Zugang, um historische Inhalte mit aktuellen Medienerfahrungen zu verbinden. Viele der im Film aufgegriffenen Codes – Memes, Social-Media-Narrative, Begriffe wie „Lügenpresse“ oder „Eliten“ – sind Jugendlichen bereits aus ihrem digitalen Alltag vertraut, oft jedoch ohne historisches oder ideologisches Hintergrundwissen.
Der Film eignet sich daher weniger für reine Wissensvermittlung als für reflexive Lernprozesse: Wie funktionieren Verschwörungserzählungen? Warum wirken sie plausibel, gerade in Krisenzeiten? Und welche Rolle spielen Bilder, Emotionen und Wiederholung in digitalen Öffentlichkeiten? Gerade das Wechselspiel aus dokumentarischem Material und animierten Sequenzen eröffnet Gespräche über mediale Inszenierung, Glaubwürdigkeit und Manipulation.
Für die pädagogische Praxis ist dabei wichtig: Antisemitismus sollte nicht als bloße „Meinung“ verhandelt, sondern klar als menschenverachtende Ideologie benannt werden. Gleichzeitig braucht es Raum für Fragen und Irritationen, gerade bei Jugendlichen, die bestimmte Narrative aus ihrem Umfeld kennen, ohne deren Hintergrund zu durchschauen.
Zum Einsatz mit Erwachsenen und Senior:innen
Über den schulischen Kontext hinaus ist „Weltkarriere einer Lüge“ in besonderer Weise für die Erwachsenen- und Seniorenbildung geeignet. Der Film knüpft an historische Ereignisse an, die vielen Teilnehmenden aus eigener Bildungsbiographie oder familiären Erzählungen vertraut sind, und verbindet sie mit gegenwärtigen medialen Phänomenen. Gerade diese Verschränkung von Erinnerung, Gegenwartsdiagnose und persönlicher Medienpraxis ermöglicht produktive Gespräche.
Der Film bietet eine fundierte Grundlage, um antisemitische Muster sichtbar zu machen. Die historische Entlarvung der Protokolle als Fälschung wirkt dabei häufig entlastend: Sie ermöglicht Distanzierung, wo zuvor Unsicherheit oder unbenannte Zweifel bestanden. In der Seniorenbildung kann der Film zusätzlich an biografische Erfahrungen mit Medien anknüpfen, vom gedruckten Pamphlet über Radio und Fernsehen bis zu Social Media und KI-generierten Bildern. Fragen nach Quellenvertrauen, Bildmanipulation und algorithmischer Verstärkung lassen sich hier produktiv diskutieren. Zugleich ist Sensibilität gefragt. Für manche Teilnehmende können Themen wie Holocaust, Antisemitismus oder aktuelle Kriege emotional belastend sein. Zeit, Gesprächsstruktur und ein respektvoller Rahmen sind auch hier unverzichtbare Voraussetzungen.
Anknüpfungspunkte für aktive Medienarbeit
Medienkompetenz und Quellenanalyse
Der Film ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich Falschinformation über Jahrhunderte reproduziert und medial transformiert. Er bietet ideales Ausgangsmaterial zur Quellenanalyse, zur Unterscheidung von Fakt und Fälschung sowie zur Entstehung und Verbreitung von Verschwörungsnarrativen.
Digitale Plattformen und Algorithmen
Verschwörungsideologie finden auch bei einer gut vernetzten, popkulturell aufgeschlossenen Nutzerschaft Anklang. Denn der moderne Antisemitismus im Verschwörungsgewand ist keineswegs eine Domäne Ungebildeter. Das eröffnet Diskussionen über Plattformverantwortung, Algorithmen und die Regulierung Sozialer Medien.
Filmbildung und -analyse
Der Film lädt zur Auseinandersetzung damit ein, wie ein Dokumentarfilm mit Archivmaterial, Experteninterviews und Animationen umgeht. Wie vermeidet man die Reproduktion von menschenfeindlichen Narrativen?
Gesellschaftliche Wertevermittlung und christliche Perspektive
Das Thema Antisemitismus hat eine unmittelbar religiöse Dimension. Für die kirchliche Bildungsarbeit bietet der Film Anlass, die christliche Mitverantwortung für antijüdische Stereotype historisch aufzuarbeiten und gegenwärtigen Judenhass klar zu benennen.
Für wen?
Jugendliche ab 14 Jahren, schulische und außerschulische Bildungsarbeit, Erwachsene, Senior:innen
Bezugsmöglichkeiten
Der Film ist in Kürze im Medienportal bei verschiedenen Medienzentralen für den Einsatz in der Bildungsarbeit zusammen mit den Lehrmaterialien digital verfügbar.
Die DVD mit Vorführrechten oder eine digitale Version des Films kann beim Katholischen Filmwerk GmbH bezogen werden.
Fazit
Felix Moellers Dokumentation macht sichtbar, wie gefährlich langlebig antisemitische Fantasien sind, wie flexibel sie sich medial anpassen und warum ihre Entlarvung eine zentrale Aufgabe demokratischer Medienbildung bleibt. „Weltkarriere einer Lüge“ ist ein Film nicht nur zu unserer Geschichte, sondern auch zu unserer Gegenwart und unserer persönlichen Verantwortung.
